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28.09.2018 12:19

Erzbischof Stephan Burger gesteht Fehler im Umgang mit Missbrauch ein

Freiburg (mr) Erzbischof Stephan Burger hat für das Erzbistum Freiburg Konsequenzen aus der MHG-Studie* angekündigt und Fehler eingestanden. In Freiburg kündigte er am Freitag (28.9.) an, er wolle sich persönlich mit Betroffenen von Missbrauch treffen und die Präventionsarbeit stärken. Seinem „Beraterstab zu Fragen im Umgang mit sexuellem Missbrauch Minderjähriger im Erzbistum Freiburg“ wird er weitere Befugnisse erteilen, eine Steuerungsgruppe aus internen und externen Experten soll Strategien mit Blick auf Klerikalismus, Macht und Missbrauch jeglicher Art entwickeln.

Nach seiner Rückkehr von der Bischofsvollversammlung in Fulda, wo die deutschen Bischöfe sich mit den Ergebnissen des deutschlandweiten *Forschungsprojekts „Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz“ (MHG-Studie) auseinandergesetzt hatten, erklärte der Erzbischof von Freiburg, dass das Erzbistum im Umgang mit Missbrauchsfällen in der Vergangenheit Fehler gemacht habe: „Missbrauchstäter sind in andere Pfarrgemeinden versetzt worden. Das geschah in der Annahme, durch ein Unterbrechen der Täter-Opfer-Beziehung den Missbrauch beenden zu können. Heute wissen wir, dass es nicht reicht, dem Täter ins Gewissen zu reden und ihm gegebenenfalls eine Therapie anzubieten. Aus heutiger Sicht betrachtet, erkennen wir, dass Verantwortliche in der Bistumsleitung das Ansehen der Kirche über die Interessen der vom Missbrauch Betroffenen gestellt haben. Das hat auch weiteren Missbrauch ermöglicht. Das sind unverzeihliche Fehleinschätzungen, aus denen wir nur lernen können und müssen.“

Im Erzbistum Freiburg seien, so der Erzbischof weiter, in der Vergangenheit Akten gesäubert worden, so dass Hinweise auf Missbrauch bei Tätern, von denen wir heute wissen, in den Akten nicht zu finden seien. „Dieser willkürliche Umgang mit Akten muss künftig ausgeschlossen werden.“ Dafür steht Erzbischof Stephan Burger ein.

Zunächst möchte Erzbischof Burger Betroffenen ein Gespräch anbieten und aktiv auf sie zugehen: „Ich möchte in der Begegnung nicht nur den Betroffenen zuhören, sondern mir von den Betroffenen erzählen lassen, woran gearbeitet werden muss, was überhaupt aus Betroffenensicht die notwendigen Konsequenzen aus dem jahrzehntelangen Missbrauch durch unsere Kleriker sind. Ich möchte gezielt eine Möglichkeit schaffen, in der Betroffene aus ihrem jeweiligen Blickwinkel erzählen, wie sie die Kirche wahrnehmen und erleben.“

Erzbischof Burger betonte, dass der Schutz der Institution künftig nicht über dem Opferschutz stehen dürfe. „Unsere kirchlichen Strukturen in unserer Diözese sind dahin gehend zu analysieren und zu überprüfen, wo sie bereits Missbrauch jeglicher Art begünstigen und fördern. Deswegen habe ich bereits als direkte Konsequenz aus der Studie eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die aus internen und externen Experten besteht, mit dem Auftrag, Strategien und Maßnahmen zu entwickeln, wie Klerikalismus, Macht und Missbrauch jeglicher Art in unserem Erzbistum begegnet werden kann“.

Um das Erzbistum Freiburg für die Zukunft in Bezug auf den Themenbereich Missbrauch und Präventionsarbeit noch besser aufzustellen, soll der Aufgabenbereich des Beraterstabes zu Fragen im Umgang mit sexuellem Missbrauch Minderjähriger im Erzbistum Freiburg erweitert werden. Alle Fragen, in Bezug auf Präventionsmaßnahmen oder Handlungsweisen der Bistumsleitung im Umgang mit dem Thema Missbrauch, sollen hier thematisiert werden.

Den Beraterstab leitet Ordinariatsrätin Susanne Orth. Sie wies in Freiburg auf die besondere Bedeutung der Präventionsarbeit im Erzbistum hin. So verhindere Prävention, dass es zu Übergriffen komme und schaffe ein achtsames Umfeld, das diese Übergriffe deutlich erschwert: „Je mehr Menschen für grenzachtenden Umgang sensibilisiert sind, desto besser können Formen von sexualisierter Gewalt erkannt und damit verhindert werden.“ Sie erklärte, die Erzdiözese Freiburg habe in den vergangenen zehn Jahren bereits große Anstrengungen in der Prävention unternommen, die nun ausgebaut und evaluiert werden sollen.

Dr. Angelika Musella, Diözesane Beauftragte zur Prüfung des Vorwurfs von sexuellem Missbrauch Minderjähriger, betonte, dass sich von sexuellem Missbrauch Betroffene jederzeit auch anonym ohne Umwege zeitnah bei ihr melden können. Aus ihrer Tätigkeit berichtete sie: „Durch meine Arbeit und die vielen Gespräche mit Betroffenen habe ich die Überzeugung gewonnen, dass Missbrauch in Kindheit und Jugend das Urvertrauen in die Welt und in die Menschen zerstören kann.“ Im Laufe der Jahre habe sie mit den meisten der Betroffenen, die einen Antrag gestellt haben, auch persönlich gesprochen. Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs müssten in schonungsloser Offenheit aufgeklärt werden, so Musella. Das Thema Missbrauch müsse dementsprechend auf der Tagesordnung bleiben.


MHG-Studie im Erzbistum Freiburg

Arbeitsgrundlage des MHG-Projektes sollten sämtliche Personalakten von Klerikern sein. Ein Team aus externen Fachleuten hat daher in der Erzdiözese Freiburg alle Personal- und Sonderakten ausgewertet, die sich auf alle Kleriker beziehen, die zwischen 1.1.1946 und 31.12.2015 im Auftrag der Erzdiözese entweder eine amtliche Funktion ausgeübt oder sich als Priester der Erzdiözese im Ruhestand befunden haben. Deshalb wurden in der Erzdiözese Beschuldigungen erfasst, die gut 100 Jahre (bis 1899) zurückgehen.

Auf dieser breiten Basis wurden in Freiburg in enger Abstimmung mit dem Forscherkonsortium Akten von 4.114 Klerikern ausgewertet, von denen 190 als Beschuldigte identifiziert wurden. Davon sind 164 Priester (darunter zehn aus anderen Diözesen), zwölf Ordensangehörige, vier Diakone und zehn Kleriker, deren Status nicht genauer bestimmt werden konnte. Diesen Beschuldigten konnten 442 betroffene Personen zugeordnet werden.

Der Befund von 190 Beschuldigten, der an das Forscherkonsortium gemeldet wurde, entspricht einer Quote von 4,6 Prozent im Verhältnis zu allen erfassten Klerikern (und damit in etwa dem deutschlandweiten Durchschnitt).

Von den 442 Betroffenen waren 51,3 Prozent weiblich und 48,7 Prozent männlich. Bundesweit liegt der Anteil männlicher Betroffener höher, nämlich bei 62,8 Prozent, der Anteil weiblicher Betroffener bei 34,9 Prozent.

Im Erzbistum Freiburg wurde bisher rund eine Million Euro als Leistungen in Anerkennung des Leids, das Betroffenen sexuellen Missbrauchs zugefügt wurde, gezahlt. Ergänzend wurden etwa 380.000 Euro für Therapieleistungen vom Erzbistum getragen

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